Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium
Gaußianer auf großer Tour

Auf eine für Schulen sehr ungewöhnliche Reise begaben sich Anfang März 2011 zwölf Gaußianer: der tropische Stadtstaat Singapur war das ersehnte Ziel. Man folgte der Einladung der SCGS (Singapore Chinese Girls School), einer der vier Eliteschulen Singapurs, mit der das Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium seit rund 4 Jahren einen intensiven Kontakt pflegt. Zustande kam diese Verbindung über den Seminarkurs „Business@school“, einer Initiative der Unternehmensberatung The Boston Consulting Group (BCG). Deutschlandweit Jahr für Jahr haben mehr als 2000 Oberstufenschüler im Rahmen dieses Projekts die Gelegenheit, sich ein Schuljahr lang praxisnah mit Wirtschaftsthemen zu beschäftigen.
Im Jahre 2007 wurde der Kontakt zur SCGS hergestellt, da sich eine Gruppe aus Singapur nach dem Gewinn der BCG Asienmeisterschaft auf Deutschlandreise befand und dabei auch das CFG als eine der Pilotschulen von b@s besuchte. Innerhalb dieses Treffens wurde die Idee für einen informellen Austausch geboren, worauf im Folgejahr auch eine Gruppe aus Hockenheim die fast 20-stündige Anreise in die bedeutendste Wirtschaftsmetropole Südostasiens auf sich nahm. Unter der Begleitung von Anja Kaiser und Vera Koch verbrachten die Schülerinnen und Schüler aufregende und lehrreiche Tage in der „Löwenstadt“. Im Folgejahr wurde der Kontakt weiter intensiviert und 29 Mädchen der SCGS erlebten einige Tage nachhaltig die kurpfälzische Kultur Hockenheims. Neben dem Schulalltag am Gauß lernten die Mädels noch die wichtigsten Touristenattraktionen der Umgebung wie zum Beispiel das Heidelberger Schloss, den Speyrer Dom oder den Schwetzingen Schlossgarten kennen. Ein besonders Erlebnis für die jungen Asiatinnen stellte der Aufenthalt in deutschen Gastfamilien dar. Natürlich durfte bei der Begegnung zweier Formel 1-Städte eine Besichtigung des Hockenheimrings nicht fehlen, selbstverständlich mit anschließender Reisebusrundfahrt auf der Rennstrecke!
So war es wenig verwunderlich, dass Anfang Januar 2011 eine sehr herzliche Einladung für einen Gegenbesuch erfolgte, verbunden mit einer Teilnahme an einer dreitägigen Model United Nations Konferenz (MUN), einer Simulation einer Vollversammlung der Vereinten Nationen für Jugendliche. Das Interesse der Schüler der Jahrgangsstufe 1 war enorm, jedoch limitierte die komplette Selbstfinanzierung der Asientour die Teilnehmerzahl letztlich auf 11 Schülerinnen und Schüler, begleitet wurde die Gruppe von Jürgen Zeitz.

Gruppenbild SCGS

Den „schmutzigen Donnerstag“ verbrachten die Gaußianer größtenteils in über 11000 m Höhe an Bord einer Boeing 777 beim hervorragenden Entertainment-Programm von Emirates, unterbrochen nur von einen dreistündigen Zwischenstopp in Dubai. Kurz nach der Landung kam dann der erste „Tropenschock“: schwülheiße 30°C schlugen den kältegewöhnten Badnern entgegen, die Lage fast direkt am Äquator sorgt in der saubersten Stadt Asiens für ganzjährig hohe Temperaturen und enorm hohe Luftfeuchtigkeit, Niederschläge mit Platzregen sind an der Tagesordnung.
Die ersten Tage verbrachte die Gruppe mitten im Stadtzentrum, am Clarke Quay, einem Ausgehviertel mit unzähligen Bars, Restaurants und Clubs. Die pulsierende Energie dieses Inselstaats war nahezu greifbar. Neben der Besichtigung der ethnischen Stadtviertel –Chinatown, Arab Street und Little India – war es auch möglich, die wichtigsten Touristenattraktionen zu besichtigen. Imposant war insbesondere das 2010 eröffnete Marina Bay Sands, die wohl exklusivste, teuerste, alleinstehende Kasinoanlage der Welt, die neben dem Kasino noch ein Hotel, Tagungsstätten und eine riesige Shoppingmall beherbergt. Der gigantische Komplex hat 5,5 Milliarden US-Dollar gekostet. Unvergesslich wird allen Teilnehmern der Blick von der Besucherterrasse aus rund 200 m Höhe bleiben. Uns zu Füßen lagen der Hafen Singapurs, einer der geschäftigsten der Welt und der weltweit bedeutendste Umschlagplatz für Container, der „Central Business District“ mit seinen imposanten Bankentürmen, die maßgeblich die Skyline der Stadt prägen, die koloniale Kernstadt mit dem weltberühmten Raffles Hotel und die 2008 fertiggestellte Formel 1-Rennstrecke, ein 5 km langer Stadtkurs, der zu 70% aus öffentlichen Straßen besteht. Auf dem offenen Meer, der sogenannten Straße von Singapur, ankerten unzählige Frachter und in der Ferne waren sogar die umliegenden Inseln Indonesiens und Malaysias zu erkennen.

Skyline Marina Bay Sands
Die intensive Erkundung der Stadt zu Fuß, mit der U-Bahn, mit Bussen oder Taxis bewies uns, wie harmonisch die verschiedenen ethnischen Gruppen im Schmelztiegel Singapur zusammenleben. Derzeit beträgt die Gesamteinwohnerzahl rund 5 Millionen Menschen, davon 76,8% Chinesen, 13,9% Malaien, 7,9% Inder und 1,4% andere. Die offiziellen Sprachen sind Mandarin, Maliisch und Tamil, vor allem aber Englisch, wobei im „Singlish“, einer Variante der englischen Sprache, Begriffe und Grammatik alle vier Amtssprachen bunt gemischt werden. Das harmonische Zusammenleben zeigte sich auch in der Vielfalt der Religionen: Hinduistische Tempel oder islamische Moscheen befinden sich genauso wie buddhistische Tempel oder Kirchen nebeneinander oder direkt einander gegenüber, Rivalitäten oder Auseinandersetzungen gibt es keine. Wir genossen diese Vielfalt der Kulturen vor allem in den unzähligen Hawker-Centern bzw. den Foodcourts der Shoppingmalls, wahren Paradiesen für wagemutige Hockenheimer Gourmets: chinesische, malaiische, indische, thailändische, indonesische, japanische und koreanische Gerichte waren zu jeder Tageszeit für wenige Euro zu haben, daneben natürlich auch westliche Küche.
Ein weiteres Highlight war der Besuch der hauptsächlich durch Sandaufschüttungen entstandenen Ferieninsel „Sentosa“, einer Kunstwelt mit Shows, Attraktionen und Kasinos. Nachdem wir eine Einführung in das „Segway“-Fahren erhielten, begaben wir uns auf die Sommerrodelbahn „Luge“. Nach anstrengenden Tagen in einer hektischen Großstadt war der asiatische Ableger des weltbekannten „Cafe del Mar“ am Siloso-Beach genau der richtige Ort um neue Energien zu tanken. Strand, Sonne und Palmen bildeten die perfekte Kulisse für einen Tag am Meer.

Tagesausflug Sentosa

Einen völlig anderen Charakter hatte dann der zweite Teil der Reise: Der Umzug vom Hotel mit Pool und zentraler Lage mit allen Annehmlichkeiten in die Hwa Chong Institution Boarding School wirkte auf die deutschen Schülerinnen und Schüler sehr ernüchternd. Frühstückszeiten von 5.45 bis 7.30, nichtklimatisierte Zimmer, Gemeinschaftsduschen und -WCs, strengstes Tabak- und Alkoholverbot und absolute Nachtruhe ab 22.30 mit konsequenter Abschaltung der Elektrizität waren so gar nicht nach den Vorstellung der verwöhnten Deutschen, hinzu kam noch die Lage inmitten eines riesigen Wohngebiets an einer dreispurigen Hauptverkehrsader ohne Einkaufsmöglichkeiten. So sieht also der Alltag der Schüler Singapurs aus!
Nichtsdestotrotz war dieser Teil der Reise äußerst eindrucksvoll für die Gymnasiasten. An der Singapore Chinese Girls School erfuhren sie wie Schule in Singapur funktioniert: Morgenappell für alle Schüler um 7.30, Singen der Nationalhymne und anschließend der Schulhymne, 15 Minuten Zeit für allgemeine Belange und um 8.00 Unterrichtsbeginn. Das Tragen der blauen Schuluniform ist obligatorisch, es dürfen nur ganz weiße Sportschuhe und kurze Socken mit Schulemblem getragen werden und die Haare müssen immer zusammengebunden sein. Der Unterricht geht mit Pausen bis 14.00, danach verlässt keine Schülerin die Schule sondern nimmt bis 18.00 an verschiedensten AGs und Workshops teil. Die Pausen nutzen die jungen Asiatinnen zum lernen und häufig werden nach Schulschluss bis 22.00 private Nachhilfeschulen besucht. Trotz dieses vollgestopften Zeitplans blieb immer wieder Zeit für persönliche Gespräche mit den Altersgenossinnen: Sie entpuppten sich als sehr offene, selbstbewusste junge Frauen, die mit ihrer Kommunikationsfreude die Hockenheimer Schülerinnen und Schüler anfangs fast überforderten.
Den Höhepunkt unseres Austauschs bildete dann die dreitägige Model United Nations Konferenz SCMUN. Eine MUN hat das Ziel, bei Jugendlichen Interesse für internationale Politik und die Arbeitsweise der Vereinten Nationen zu wecken und ihr Wissen in diesem Bereich zu vertiefen. Die Fähigkeit, sich in den Standpunkt eines fremden Landes hineinzuversetzen und mit anderen Teilnehmern zusammen Lösungen für aktuelle Probleme zu finden, verbessert nicht nur die Kompromissfähigkeit der Schüler, sondern lehrt auch Toleranz gegenüber anderen Sichtweisen, Ländern, Kulturen und Menschen. Sie lernen, eine Meinung zu artikulieren und überzeugend zu vertreten.
An dieser wahrhaft internationalen Konferenz nahmen insgesamt 21 Schulen teil, wobei neben dem Gauß auch Schulen aus Malaysia, Indonesien, Australien, Thailand und Hongkong anwesend waren. Unsere Gruppe hatte die Länder Irak und Australien zu vertreten, die Themen in den einzelnen Gremien waren äußerst vielfältig, tagesaktuell und meist extrem spannend. Die Ausschüsse diskutierten u.a. intensiv über Menschenhandel, die Stabilität der Eurozone, Meerespiraterie, den Schutz der Menschenrechte bei der Bekämpfung von Terrorismus, die Situation der Menschenrechte in Myanmar oder über Cyberterrorismus. Am Abend des ersten Tages fühlten sich die Gaußianer regelrecht „überfahren“, einerseits war die Konferenzsprache Englisch, wobei insbesondere bei Fachausdrücken Verständnisprobleme auftaten, andererseits bereiteten sich die meisten anderen Gruppen schon seit mehreren Monaten intensiv auf die Konferenz vor, viele Teilnehmer hatten schon vor Konferenzbeginn detaillierte Resolutionen erarbeitet. Diese Vorbereitung war unseren Schülerinnen und Schülern gar nicht möglich, da die Einladung zur Konferenz sehr kurzfristig erfolgte und so neben dem Unterricht und anstehenden Klausuren nur kurze Zeit zur Sachrecherche blieb. Dennoch ließen sich die Hockenheimer nicht entmutigen, sondern fühlten sich regelrecht angespornt: nach einem kurzen Abendessen verschwanden die meisten Gaußianer für mehrere Stunden in den Computerraum um sich auf den nächsten Tag inhaltlich und sprachlich vorzubereiten!

SCMUN UN Tagung

Solchermaßen präpariert verliefen die beiden Folgetage wesentlich erfolgreicher, man hatte sich in die Sprache eingehört, die anfänglichen Verständnisprobleme waren beseitigt und man diskutierte gleichberechtigt die entsprechenden Themen. Maike Blattner erhielt im Rahmen der Abschlussveranstaltung von Mr. Alexander C. Louis, Vize-Präsident der UN-Delegation Singapurs sogar eine Auszeichnung als eine der drei wichtigsten Delegierten ihres Ausschusses (siehe Sonderbericht Maike Blattner).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass dieser Schulausflug der besonderen Art ein Erlebnis bleibt, das weit über den „normalen“ Schulalltag hinausgeht. Kein Curriculum kann diese originalen Begegnungen mit einer fremden Kultur, Lebensweise, Mentalität und Arbeitsethik ersetzen, die Eindrücke in der Finanzmetropole Südostasiens werden den Schülerinnen und Schülerinnen und Schülern nachhaltig im Gedächtnis bleiben. Die Toleranz, die Weltoffenheit und der Ehrgeiz der Asiaten waren beindruckend und beispielgebend. Es bleibt zu hoffen, dass die Verbindung mit der Singapore Chinese Girls School dauerhaft aufrecht erhalten wird, sie ist für beide Seiten gewinnbringend und lässt neue Beziehungen und Freundschaften mit einem bis dato weniger bekannten Teil der Welt entstehen. Für das Schuljahr 2011/2012 ist deshalb ein Gegenbesuch fest eingeplant.

Autor: Jürgen Zeitz