Sprachenstammbaum Latein„Latein ist tot, genauso wie die alten Römer. Wozu sollte man also die Sprache lernen?“

– Bei der Wahl der zweiten Fremdsprache dürften derartige Überlegungen nicht selten aufkommen. Zweifelsfrei lässt sich festhalten: Latein wird im Grunde nicht mehr gesprochen. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein bedurfte es keinerlei Rechtfertigung für dieses Fach. Latein galt neben Altgriechisch als Garant humanistischer Erziehung, es war die Bildungs- und Wissenschaftssprache und zugleich die Sprache, in der antike Autoren Weltliteratur schufen, deren Einfluss bis in die Gegenwart reicht
– wenngleich für die meisten nicht erkennbar.

Zudem ist Latein die Sprache der alten Römer, des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, die „Mutter“ vieler europäischer Sprachen (Italienisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Rumänisch usw.). Damit kann Latein in der Tat als überaus erfolgreich und wirkungsmächtig angesehen werden. Jedoch: „Tempora mutantur, nos et mutamur in illis“ („Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen.“)
– Englisch hat Latein schon lange in seiner Bedeutung als „lingua franca“ abgelöst.

Humanistische Bildung wird zunehmend von utilitaristischen Erwägungen verdrängt. Latein scheint abkömmlich, verzichtbar geworden zu sein, ein überkommenes Relikt einer alten Zeit, das heutzutage überholt wirkt. Die Stärken und Vorzüge, die das Schulfach insbesondere in heutigen Zeiten zu bieten vermag, werden allerdings allzu oft ausgeblendet und von scheinbaren Nützlichkeitserwägungen verdrängt.

 

Gründe für Latein

Förderung der deutschen Sprache

  • Die Beschäftigung mit der lateinischen Sprache führt zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit der deutschen Sprache. Im Zuge des Übersetzens festigen die Schülerinnen und Schüler ihr grammatikalisches Wissen um die deutsche Sprache und bauen ihre Sprachsicherheit aus. Damit leistet der Lateinunterricht nachweisbar eine Förderung der muttersprachlichen Kompetenzen.

Förderung der Grammatikkenntnisse und Metasprache

  • Die intensive Auseinandersetzung mit Grammatik, Sprache und Texten bilden die Schwerpunkte des Lateinunterrichts. Dabei kommt insbesondere der Übersetzung vom Lateinischen ins Deutsche eine herausragende Rolle zu. In diesem Zusammenhang werden nicht nur Übersetzungstechniken und die Grammatikkenntnisse der Schülerinnen und Schüler geschult; auch die Reflexion über Grammatik und Sprache (Metasprache), das Analysieren von Satzstrukturen und Formen werden intensiv gefördert. Damit rückt Sprache als das zentrale Kommunikationsmedium des Menschen in den Fokus des Lateinunterrichts.

Förderung der Textkompetenz

  • Autoren wie Cicero und Caesar sind vor allem wegen ihrer zum Teil recht langen und teils komplexen Sätze bekannt. Dem steht der aktuelle Trend zu sprachlicher Verkürzung (Twitter, SMS, WhatsApp) gegenüber. Damit bildet der Lateinunterricht einen wohltuenden Gegenpol und zwingt zu der Auseinandersetzung mit komplexen Satzstrukturen, wodurch das allgemeine Textverständnis gefördert wird. Auf diese Weise üben Lateinschülerinnen und -schüler sich kontinuierlich im Umgang mit anspruchsvollen Texten und trainieren so ihr allgemeines Leseund Textverstehen, was ihnen insbesondere im Oberstufenunterricht und in einer späteren universitären Ausbildung zum Vorteil gereichen wird.

Förderung der Kulturkompetenz 

  • Im Zentrum des Lateinunterrichts der Lehrbuchphase steht die römische Kultur mitsamt ihrer Ausstrahlungskraft und ihrem Einfluss auf die europäische (Kultur-)Geschichte. Die Schülerinnen und Schüler erhalten tiefe Einblicke in das politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Leben der alten Römer. Durch Vergleiche mit der heutigen Zeit lernen sie einerseits die historischen und geistesgeschichtlichen Wurzeln des heutigen Europa kennen, das wesentlich vom antiken Rom geprägt ist; andererseits aber erkennen sie auch die Unterschiede unserer modernen Gesellschaft von der patriarchalisch geprägten Militärmacht Roms. Dieser Vergleich sensibilisiert die Schülerinnen und Schüler einerseits für die historische Entstehung des modernen Europas, hält sie andererseits aber auch zu einer kritischen Analyse der römischen Herrschaft an. Im Zuge dieser Auseinandersetzung mit den historischen Ursprüngen der heutigen Moderne trägt der Lateinunterricht zu einer verstärkten Bewusstwerdung und kritischen Reflexion der eigenen Lebenswelt und ihrer historisch bedingten Ursprünge bei.

Erwerb humanistischer Bildungsinhalte

  • Das Sprach- und Kulturfach Latein gilt traditionell neben dem Altgriechischen als Garant für humanistische Bildung – und dies nicht ohne Grund: Der Kerngedanke des Humanismus besteht in der Annahme, durch die Beschäftigung mit der lateinischen Sprache, insbesondere aber mit den antiken Textzeugnissen die Persönlichkeit bilden und formen zu können. Latein dient diesem Verständnis nach in erster Linie der geistigen, moralischen und charakterlichen Entwicklung des Individuums. Die Beschäftigung mit zentralen lateinischen Texten, deren Ausstrahlungskraft und Einfluss bis in die Gegenwart wirksam ist, geht einher mit der Vermittlung zentraler europäischer Wert- und Weltvorstellungen, die kritisch betrachtet und reflektiert werden. Demzufolge ist das Fach Latein tiefster Ausdruck dessen, was man im eigentümlichsten Sinne unter Bildung versteht. Damit wird der moderne Lateinunterricht in jeder Hinsicht den Erfordernissen gerecht, die ein demokratischer Staat, ein humanistisches Bildungssystem und eine Kommunikationsgesellschaft im Zeitalter der Globalisierung an die Schülerinnen und Schüler stellen. Diesem Anspruch entsprechend beschäftigen die Schülerinnen und Schüler sich ab der 10. Klasse mit authentischen Textzeugnissen aus Antike und Renaissance. Im Zentrum dieser Lektüre stehen Prosaautoren wie Cicero, Caesar, Nepos, Sallust, Livius, Tacitus, Seneca oder Lukrez und Dichter wie Phaedrus, Catull, Ovid oder Vergil. All diese Autoren sind für die europäische Geistes- und Kulturgeschichte prägend. Eine kritische Auseinandersetzung mit ihnen bietet einerseits einen tiefen Einblick in die europäische Kulturgeschichte und macht diese Erkenntnisse andererseits fruchtbar für eine intensivere Auseinandersetzung mit der eigenen Gegenwart, die als Produkt historisch gewachsener Prozesse erkannt und nachvollzogen wird. Unter diesem Gesichtspunkt vermag Latein als Schulfach humanistischen Gepräges einen entscheidenden Beitrag zur Mündigkeit des Einzelnen beizutragen – ganz im Sinne des Diktums des Historikers Hagen Schulze: „Wir sind, was wir geworden sind.“

Förderung einer kritischen und reflektierenden Persönlichkeit

  • Lateinische Texte sind vor allem sprachlich ausgefeilte Texte mit ästhetischem und rhetorischem Anspruch. Dies gilt nicht nur für die Poesie Ovids oder Vergils, sondern gleichermaßen auch für die Werke von Prosaautoren wie Cicero oder Caesar. Ziel des Lateinunterrichtes ist diesbezüglich nicht allein die Vermittlung und Bewertung sprachlicher Eleganz und Ästhetik lateinischer Texte, sondern auch eine Bewusstwerdung über Sprache als Waffe der Manipulation. An Beispielen hochwertiger antiker Schriften werden die Schülerinnen und Schüler für die suggestive Kraft der Sprache sensibilisiert und in der Analyse von Reden und deren Absichten geschult. Damit werden zentrale Kompetenzen der heutigen Medien- und Kommunikationsgesellschaft ausgebaut und gefördert.