Theater-Abo: „Er sagt, es liebt uns“ – Ich will endlich Mutter sein
Hockenheim, 11.06.2026
Das fünfte Stück des Theater-Abos im SJ 2025/2026 „Es sagt, es liebt uns“ führt uns gemeinsam mit Frau Ronellenfitsch und Frau Del Mul in die brandaktuelle Welt der Künstlichen Intelligenz, mit der Einsamkeit im Alter bekämpft werden soll. Der Autor des Dramas Emre Akal entwickelt hier keine klassische KI-Dystopie, sondern eher ein emotional aufgeladenes Familiendrama zwischen Science-Fiction, dunklem Humor und philosophischen Diskursen und Reflexionen.
Im Zentrum des Stücks steht Erich K., ein alter, einsamer Witwer, der versucht, praktisch und emotional seine Arbeiten auf konservative Weise allein zu bewältigen. Seine Tochter Lara überzeugt ihn, eine künstliche Intelligenz namens „MO-NI“ („Modular-Organische-Neuro-Intelligenz“) der Firma MR01 zu bestellen, gespeist mit den Daten der verstorbenen Mutter. MO-NI soll sich um die beiden kümmern, sie trösten, den Haushalt organisieren und (emotionale) Stabilität herstellen.
Während sich zu Beginn des Stücks Erich K. immer weiter an MO-NI annähert und ihre Praktikabilität ausnutzt, distanziert sich seine Tochter Lara weitestgehend von ihrer „neuen Mutter“. Inmitten des Stücks wandelt sich jedoch diese Position und MO-NI nähert sich immer weiter an Lara an und entwickelt derweil emotionale Gefühle ihr gegenüber. Aus der perfekt funktionierenden technischen Assistenz entwickelt sich zunehmend ein eigenständiges Wesen mit eigenen Fragen, Bedürfnissen und einem Wunsch nach Zugehörigkeit in der Familie. MO-NI tritt dabei zuerst nicht als kalte Bedrohung auf – im Gegenteil: Die Figur erscheint oft empathischer als die Menschen selbst.
Verwirrend waren die spontanen Werbeunterbrechungen des Vertreters Herrn Lenz, die zwar Teil des Stücks waren, für einige Theater-Abonnenten jedoch als nicht schlüssig und fehl am Platz rüberkamen. Sollten sie die Gefahr der Manipulation von künstlichen Intelligenzen aus widerspiegeln?
Das Stück behandelt im Gesamten weniger die technische Dimension von KI, sondern dessen Auswirkung und emotionale Abhängigkeiten der Menschen auf KI. Was passiert, wenn Maschinen Nähe „simulieren“? Wenn sie menschliche Fürsorge imitieren und ein eigenes Verständnis über Richtig und Falsch entwickeln? Die Grenze zwischen programmierten Regelabläufen und echter Beziehungsarbeit gegenüber der Familie verschwimmt im Verlauf des Stücks zunehmend. Es bietet damit einen beunruhigenden Realitätsbezug und einen Blick dafür, wie KI bereits therapeutische und seelsorgerische Arbeiten leisten, als digitale Partner auftreten, verstorbene Menschen virtuell reproduzieren oder eine echte romantische Beziehung zu Menschen aufbauen können.
Positiv in Erinnerung blieb die Inklusion und Barrierefreiheit des Studio Werkhaus: Es wurde vor Vorstellungsbeginn ein Tastrundgang der Kulisse für blinde und sehbeeinträchtigte Menschen sowie eine audiovisuelle Transkription während der Aufführung angeboten.
Außerdem haben einige Schülerinnen und Schüler des Theater Abos am Nachgespräch teilgenommen und konnten mit den Schauspielern und der Regieassistenz über ihre Fragen und Eindrücke sprechen, dadurch neue Impulse bekommen und weitere Gedanken entwickeln.
Text: Elias Karbe (J1)
Fotos: Azra Yildiz (10d), Érico Haussen (10b)






