Militärexperte Carlo Masala am Gauß: Wie Europas Zukunft gestaltet werden kann
Hockenheim, 20.03.2026
Auf Einladung des CDU-Abgeordneten Andreas Sturm hält der Militärexperte und Politikwissenschaftler Professor Carlo Masala einen Vortrag in Hockenheim. Vor fast 400 Zuhörern spricht er über globale Krisen.
Die geopolitische Lage, daran ließ der renommierte Militärexperte und Politikwissenschaftler Professor Carlo Masala bei seinem Vortrag vor fast 400 Zuhörern in der Aula des Gauß-Gymnasiums keinen Zweifel, sei schwierig und bedeute für Deutschland wie Europa eine gravierende Herausforderung. Aber, und das war ihm wichtig, Europa sei nicht wehrlos. „Wir haben die Fähigkeiten uns zu behaupten.“
Um diese Fähigkeiten aber in Szene zu setzen, sei es entscheidend, den provinziellen Habitus endlich hinter uns zu lassen. Unmissverständlich und mit Nachdruck forderte Masala die Menschen dazu auf, nachzudenken. Auch und gerade, wenn es ungemütlich wird und die eigene Wohlfühlzone komplett sprengt. Dazu gehöre erstens eine schonungslose Analyse der Abhängigkeiten, mit denen Europa und vor allem Deutschland in den vergangenen sieben Jahrzehnten äußerst
Die Fragen, die sich nun stellten, seien alles andere als angenehm. Aber Europa müsse sich anders aufstellen und Fragen rund um Verteidigungsfähigkeit samt Fragen zur Wehrpflicht, Ressourcen- und Energieabhängigkeiten, wirtschaftliche Stabilität und Vernetzung sowie neue Kooperationsmodelle in Europa und weit darüber hinaus, beantworten.
Warum Demokratien weniger fehleranfällig als autoritär geführte Länder sind
Und, da ist er sich sicher, Europa kann das. Auch wenn autoritär geführte Länder wie China gerade viel Strahlkraft entwickeln, ist Masala davon überzeugt, dass Demokratien überlegen sein. Sie seien deutlich weniger fehleranfällig. Frei nach dem Hirnforscher Wolf Singer erklärte er, dass totalitäre Systeme extrem anfällig seien, Fehler zu machen und sie fortzuschreiben. Sie verzichten auf die Synergien verteilter Kompetenzen und entbehren deshalb jedweder Resilienz gegenüber Unvorhergesehenem.
Nicht von ungefähr habe die Evolution ein extrem komplexes System, wie das Gehirn, hervorgebracht, das auf Selbstorganisation vertrauen und eben nicht hierarchisch organisiert sei. Demokratien seien aufgrund ihrer konstitutiven Diversität und Toleranz für unterschiedliche Meinungen und Interessen für eine gelingende Zukunft eigentlich gut gerüstet. Wichtig sei nur, dass das die Bürger erkennen und sich für die Demokratie einsetzen. Eine Demokratie stirbt nicht wegen ihren Feinden, sondern weil sich zu wenige Demokraten für die Demokratie einsetzen. Schlussworte, die mit sehr viel Applaus quittiert wurden
gut gefahren sei, und zweitens die Suche nach einer klaren Haltung zur Welt, wie sie sich jetzt zeige.
Professor Carlo Masala kommt auf Einladung von Andreas Sturm ins Gauß-Gymnasium Hockenheim
Der Hoffnung, dass irgendwann alles wieder gut werde, erteilte der Professor von der Bundeswehruniversität München eine scharfe Absage. Er zitierte hierfür den irisch-britischen Politiker und Vater des Konservatismus Edmund Burke (1729–1797), der Parteigänger darauf hinwies, dass man nach einer Revolution die Uhr nicht zurückdrehen könne. Auch wenn die neue Weltordnung bis dato nur schemenhaft zu erkennen sei und noch gar nicht klar sei, wie sie aussehe, die alte sei unwiederbringlich weg.
Masala war auf Einladung des CDU-Landtagsabgeordneten Andreas Sturm in Hockenheim und Sturm, wie eigentlich alle in der Aula, konnten ihre Begeisterung kaum verbergen. Der Mann und sein Vortrag wurden nach zwei Stunden Vortrag und Diskussion mit Superlativen quittiert. Die Einschätzungen reichten von „fantastischer Vortrag“ bis „Masala for President“. Und das, so könnte man sagen, nicht ganz zu Unrecht. Die Klarsichtigkeit Masalas schien die Menschen hier nicht zu ängstigen. Ganz im Gegenteil, Verstehen als ersten Schritt auf der Suche nach einer zukunftsgerichteten Haltung zu diesen Umwälzungen.
Politisches Zögern und globale Umbrüche stehen im Fokus des Vortrags in Hockenheim
Masala kann nur schwer nachvollziehen, warum die Politik derzeit immer auf irgendwelche Wahlen verweist, um zu erklären, dass jetzt gerade nicht gehandelt werden könne. Das sei ein Ausdruck dieses provinziellen Habitus, der das Land und den Kontinent daran hindere eine erwachsene Haltung zu diesen Umbrüchen zu finden. Und von diesen gebe es viele. Russland, Ukraine, Israel, USA, Gaza, Iran, Syrien, Kongo, Sudan, Jemen, China überall werde das Weltordnung-System, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg herausgebildet habe, in Frage gestellt. Dabei sei es wichtig zu wissen, dass in sehr vielen Weltregionen die liberale Weltordnung alles andere als erstrebenswert gilt.
Wer in Afrika, Südamerika oder Asien von ihr schwärme, erlebe schnell Ernüchterung. Viele Länder, so Masala, würden in der Überwindung eben dieser speziellen Ordnung ihr Glück sehen. Bis dato haben ja vor allem der Westen und China von ihr profitiert, ganz vorne weg Deutschland. Mit seinen etwas über 80 Millionen Menschen, fände sich Deutschland in Sachen Wirtschaftsmacht auf Platz drei nach den USA mit knapp 350 Millionen Menschen und China mit seinen 1,4 Milliarden Menschen. Ein Ergebnis, das natürlich auf Kosten andere Länder ging, die sich gegen die Handelsmacht Deutschland bis dato nur schwer wehren konnten.
Militärexperte Carlo Masala erklärt, wie sich globale Krisen gegenseitig bedingen
Auch sei es wichtig zu wissen, dass der Frontverlauf bei der Auseinandersetzung um eine neue Ordnung nicht so leicht zu fassen sei. Demokratien versus Autokratien sei es nicht. So fänden sich autoritär regierte Länder, wie Vietnam und Singapur, klar auf der Seite der Verteidiger der alten Ordnung. Und Brasilien oder Indien, beides Demokratien, auf der Seite der Gegner. Und die USA, der Träger dieser bisherigen Weltordnung, bräche gerade weg. Es ist also kompliziert. Neudeutsch spreche man von Polykrisen. Das werde nur oft falsch verstanden, als eine Zeit mit mehreren gleichzeitig stattfindenden Krisen. Polykrise bedeutet aber nicht nur gleichzeitig, sondern auch ineinander verwoben.
Und, um es noch komplizierter zu machen, sie bedingen sich gegenseitig. Ein Beispiel findet sich in der Migrationsfrage. Deutschland und die EU bemühten sich, diese Frage zu klären und das teils durchaus mit Erfolg. Doch, und hier kommt jetzt eine weitere Krise hinzu, der Klimawandel befördere zusehends Migration. Heißt, ohne wirksame Klimawandelbegrenzung könne auch die Migrationsfrage nicht zielführend beantwortet werden.
Auch der Ukrainekrieg sei weit mehr als nur ein Krieg gegen die Ukraine. Den Konflikt könne nur verstehen, wer erkennt, dass es Russland um Europa geht. Der russische Außenminister Sergei Lawrow sagte es klar. Russlands Ziel sei die Rückabwicklung der europäischen Sicherheitsarchitektur. Die US-Streitkräfte sollen sich vom europäischen Kontinent zurückziehen, sodass Russland seine Einflusssphäre bis an den Atlantik ausweiten könne. Und das schlimme sei, dass die amerikanische Politik diesen Kräften gerade in die Hände spiele.
Carlo Masala fordert, dass sich Europa anders aufstellen und stärken muss
Früher stand fest, dass die USA Weltmacht seien, die Europäer Verbündete und die USA dafür mehr Investitionen aufwendeten, um diese Ordnung stabil zu halten. Diese Gleichung sei gebrochen. In Trumps Augen müsse die Welt dafür bezahlen, dass die USA eine ordnungsgebende Weltmacht seien. Und man komme nicht umhin, hier durchaus eine gewisse Logik zu erkennen. Aus amerikanischer Sicht habe Europa enorm davon profitiert, dass die USA die europäische Sicherheit gewährleisteten. So hatte Europa beispielsweise die Mittel, um den Wohlfahrtsstaat auszubauen.
Text: Stefan Kern, Schwetzinger Zeitung
Fotos: Matthias Busse


















